Ritter Sport im Rechtsstreit: Warum die quadratische Schokolade gerade viral geht
Der deutsche Schokoladenhersteller Ritter Sport erobert derzeit die Google-Suchanfragen – und das hat nichts mit einer neuen Geschmacksrichtung zu tun. Über 5000 Suchanfragen in nur vier Stunden und ein explosionsartiges Wachstum von 1000 Prozent zeigen: Ein bizarrer Rechtsstreit um die charakteristische quadratische Form bewegt die Nation. Das Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg steht im Zentrum einer juristischen Auseinandersetzung, die gleichzeitig skurril und bezeichnend für die heutige Markenwelt ist.
Im Mittelpunkt steht die quadratische Verpackungsform, die Ritter Sport seit 1996 markenrechtlich schützen lässt. Diese markante Form ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger strategischer Positionierung. „Quadratisch. Praktisch. Gut.“ – dieser Werbeslogan gehört zu den bekanntesten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Doch nun muss das Unternehmen juristisch darum kämpfen, dass sein Markenzeichen auch tatsächlich geschützt bleibt. Die Frage lautet: Gehört das Quadrat wirklich exklusiv zu Ritter Sport?
Klage gegen Haferriegel-Hersteller: Das Quadrat vor Gericht
Der Schokoladenhersteller hat den Mannheimer Produzenten Wacker verklagt, weil dieser einen quadratischen Haferriegel namens „Monnemer Quadrat Bio“ auf den Markt gebracht hat. Aus Sicht von Ritter Sport eine eindeutige Markenverletzung – doch das Stuttgarter Landgericht sah das im Januar 2026 anders und wies die Klage in erster Instanz ab. Die Begründung: Eine Markenverletzung konnte nicht festgestellt werden. Ein empfindlicher Rückschlag für das Traditionsunternehmen, dessen Identität maßgeblich auf dieser Form basiert.
Doch Ritter Sport gibt nicht auf. Das Unternehmen hat Berufung beim Oberlandesgericht Stuttgart eingelegt und argumentiert, dass die quadratische Marke trotz „enorm hoher Verkehrsbekanntheit“ nicht ausreichend anerkannt wurde. Der Kern der Argumentation: Schokolade und Müsliriegel seien ähnliche Waren im gleichen Marktsegment. Wo Verbraucher nach einem süßen Snack greifen, könnte Verwechslungsgefahr entstehen – so die Befürchtung des Schokoladenproduzenten. Kritiker halten diese Argumentation allerdings für weit hergeholt.
Monnemer Klageriegel: Clevere Marketing-Reaktion aus Mannheim
Die Reaktion des Haferriegel-Herstellers Wacker macht die Geschichte besonders pikant. Statt sich einschüchtern zu lassen, zeigt das kleinere Unternehmen Humor und Geschäftssinn zugleich. Wacker nahm sein quadratisches Produkt temporär aus dem Sortiment – allerdings nicht als Kapitulation, sondern um ein Statement zu setzen. Der Ersatz trägt den vielsagenden Namen „Monnemer Klageriegel“ und kommt in länglicher Form daher. Diese humorvolle Anspielung auf den Rechtsstreit sorgt in sozialen Medien für Aufsehen und beschert dem kleinen Hersteller unverhoffte Publicity.
Diese clevere Marketing-Aktion hat den Rechtsstreit zusätzlich ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Plötzlich diskutiert Deutschland über David gegen Goliath, über Kreativität gegen Konzernmacht, über Innovation gegen Tradition. Der Fall zeigt exemplarisch, wie Rechtsfälle im digitalen Zeitalter zu viralen Phänomenen werden können. Die Sympathien vieler Verbraucher scheinen dabei eher beim kleinen Mannheimer Hersteller zu liegen als beim Schokoladen-Riesen.
Wirtschaftliche Herausforderungen bei Ritter Sport verschärfen die Lage
Der juristische Kampf um das Quadrat kommt für Ritter Sport zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen kämpft wirtschaftlich mit erheblichen Herausforderungen. Trotz höherer Umsätze machte der Schokoladenhersteller 2025 Verluste. Die Ursachen sind vielfältig: explodierende Kakaopreise, gestiegene Energiekosten und teure Logistik belasten die Bilanz massiv. In diesem wirtschaftlich angespannten Umfeld wird der Schutz der eigenen Marke noch wichtiger – sie ist schließlich eines der wertvollsten Assets des Unternehmens.
Dennoch stellt sich die Frage, ob dieser Rechtsstreit die richtige Strategie ist. Kritiker argumentieren, große Unternehmen sollten ihre Ressourcen besser in Innovation und Produktentwicklung stecken, statt kleinere Wettbewerber juristisch zu verfolgen. Befürworter betonen hingegen, dass Markenrechte geschützt werden müssen, sonst verlieren sie ihre Gültigkeit – ein klassisches Prinzip im Markenrecht. Die öffentliche Wahrnehmung dieses Falls könnte jedoch imageschädlicher sein als eine mögliche Markenverwässerung.
Verbraucherschutz und Markenverwässerung: Was steht auf dem Spiel?
Aus Verbrauchersicht wirft der Fall interessante Fragen auf. Verwechseln Kunden wirklich einen Haferriegel mit einer Schokoladentafel, nur weil beide quadratisch sind? Das Stuttgarter Landgericht scheint dies zu verneinen. Die Produkte unterscheiden sich in Zusammensetzung, Geschmack, Zielgruppe und Positionierung erheblich. Ein gesundheitsbewusster Käufer, der nach einem Haferriegel greift, dürfte kaum versehentlich zur Vollmilchschokolade greifen – unabhängig von der Form. Die Argumentation von Ritter Sport erscheint vielen Beobachtern daher konstruiert.
Andererseits hat Ritter Sport über Jahrzehnte Millionen in den Aufbau seiner Markenidentität investiert. Die quadratische Form ist dabei das Ergebnis strategischer Positionierung und nicht einfach nur eine willkürliche Designentscheidung. Wenn nun beliebige Hersteller diese Form für beliebige Produkte nutzen können, könnte dies tatsächlich die Uniqueness der Marke verwässern. Das Spannungsfeld zwischen legitimen Markenrechten und freier Produktgestaltung bleibt damit ungeklärt.
Ausblick: Oberlandesgericht entscheidet über Quadrat-Monopol
Das Oberlandesgericht Stuttgart wird nun in zweiter Instanz über den Fall entscheiden. Die Entscheidung könnte weitreichende Konsequenzen haben – nicht nur für Ritter Sport und Wacker, sondern für das Markenrecht insgesamt. Wie weit reicht der Schutz einer geometrischen Form? Wann liegt eine Markenverletzung vor? Und wo beginnt die freie Gestaltung legitimer Produktvarianten? Diese Fragen beschäftigen nicht nur Juristen, sondern auch Verbraucher und Unternehmer gleichermaßen.
Währenddessen verfolgen Millionen Deutsche den Fall mit einer Mischung aus Belustigung und echtem Interesse. Der Umstand, dass Ritter Sport die Suchanfragen dominiert, zeigt: Marken sind mehr als nur Produkte. Sie sind Teil unserer Alltagskultur, unserer Kindheitserinnerungen und unserer Konsumidentität. Wenn diese Marken vor Gericht stehen, berührt das die Menschen manchmal mehr als man denken würde. Ob nun Schokolade oder Haferriegel, quadratisch oder länglich – dieser Fall erinnert daran, dass hinter jedem Produkt im Supermarktregal komplexe rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Fragen stecken.
Inhaltsverzeichnis
