Sie kaufen Kaugummi falsch: Warum die Kassenzone der teuerste Ort im Supermarkt ist

Kaugummi gehört zu jenen Produkten, die fast automatisch im Einkaufswagen landen – meist ohne dass wir es bewusst geplant haben. Die kleinen bunten Packungen an der Kasse wirken harmlos und günstig, doch dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes System aus psychologischen Verkaufstricks und strategischer Preisgestaltung. Rund 70 Prozent der Deutschen kauen regelmäßig Kaugummi, was dieses Massenprodukt zum perfekten Kandidaten für Impulskäufe macht. Die Supermärkte nutzen diese Beliebtheit geschickt aus – mit Methoden, die uns mehr Geld kosten als nötig.

Die Kassenzone als psychologische Falle

Die Platzierung von Kaugummi direkt an der Kasse folgt einer bewährten Verkaufsstrategie. Während wir in der Schlange stehen und warten, wandert unser Blick automatisch über die präsentierten Waren. Kaugummi erfüllt dabei mehrere Kriterien gleichzeitig: Es ist preiswert genug für spontane Entscheidungen, klein genug für den schnellen Griff und mit einem Frischegefühl assoziiert, das nach dem Einkauf besonders verlockend wirkt. Diese neuralgischen Punkte im Supermarkt sind kein Zufall – Händler haben diese Technik perfektioniert und erzielen damit beachtliche Umsätze.

Die breite Akzeptanz von Kaugummi in der Bevölkerung macht das Produkt besonders wertvoll für diese Strategie. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zugreift, ist statistisch hoch. Was für uns wie ein kleiner, unbedeutender Kauf erscheint, summiert sich für den Handel zu erheblichen Gewinnen – bei überdurchschnittlich hohen Margen.

Wenn Frische zum Verkaufsargument wird

Die emotionale Aufladung von Kaugummi spielt eine zentrale Rolle für seinen Erfolg. Die meisten bevorzugen Minzgeschmack, doch die Vielfalt der Geschmacksrichtungen – von Blaubeere über Pfefferminz bis Wassermelone – wird gezielt zur Kaufförderung eingesetzt. Besonders erfolgreich war die Neupositionierung als Zahnpflegeprodukt. Anfang der 1990er Jahre galt Kaugummikauen für Erwachsene in der Öffentlichkeit noch als verpönt. Marken wie Wrigley’s Extra veränderten diese Wahrnehmung grundlegend, indem sie Kaugummi als praktisches Hilfsmittel für die Mundgesundheit positionierten.

Diese Strategie zahlte sich aus: Wrigley’s Extra gelang es, den Konsum in höheren Altersgruppen deutlich zu steigern und über 90 Prozent Segmentanteil zu erreichen. Die Zahnpflege-Benefits sind dabei nicht nur cleveres Marketing. Nach Angaben der American Dental Association kann Karies um bis zu 40 Prozent reduziert werden, wenn zuckerfreies Kaugummi gekaut wird. Die Speichelproduktion wird angeregt, wodurch die Säure des Plaques im Mund verringert wird. Diese wissenschaftliche Untermauerung macht das Produkt noch attraktiver – und rechtfertigt in den Augen vieler Käufer auch höhere Preise.

Mengenrabatte und die Illusion des Sparens

Besonders raffiniert wird es bei Aktionen wie „3 für 2“ oder „Kaufe 4, zahle 3“. Solche Angebote suggerieren einen erheblichen Preisvorteil, doch die Rechnung geht meist zugunsten des Handels auf. Der durchschnittliche Haushalt benötigt keine großen Mengen an Kaugummi. Eine einzelne Packung reicht oft über Wochen oder Monate, dennoch verleiten uns Mengenaktionen zum Kauf mehrerer Packungen gleichzeitig. Das vermeintliche Schnäppchen führt dazu, dass wir mehr ausgeben als ursprünglich geplant – selbst wenn der Einzelpreis rechnerisch sinkt.

Rotierende Preise erzeugen künstliche Dringlichkeit

Supermärkte arbeiten mit wechselnden Sonderangeboten. In einer Woche kostet eine Packung 1,29 Euro, in der nächsten 1,79 Euro – nur um zwei Wochen später wieder auf 1,39 Euro zu sinken. Diese Preisschwankungen erzeugen ein Gefühl von Dringlichkeit. Verbraucher befürchten, das vermeintliche Schnäppchen zu verpassen, und greifen zu, auch ohne akuten Bedarf. Tatsächlich liegt der durchschnittliche Verkaufspreis oft erstaunlich stabil. Die vermeintlichen Sonderangebote sind häufig nur geringfügig günstiger als der reguläre Preis – manchmal sogar identisch mit dem Preis von vor einigen Wochen.

Die Macht der Preispsychologie

Preise von 0,99 Euro oder 1,49 Euro wirken deutlich attraktiver als runde Beträge, obwohl der Unterschied minimal ist. Diese Schwellenpreisgestaltung nutzt unsere Tendenz, Zahlen von links nach rechts zu verarbeiten – 1,99 Euro fühlt sich eher nach „ein Euro etwas“ an als nach „fast zwei Euro“. Auch unterschiedliche Packungsgrößen spielen eine Rolle. Neben Standardpackungen finden sich Großpackungen, Doppelpacks oder Vorratsboxen – alle mit unterschiedlichen Grundpreisen. Während bei vielen Produkten die größere Packung tatsächlich günstiger ist, gilt dies bei Kaugummi nicht automatisch.

Der Grundpreis pro 100 Gramm wird zwar ausgewiesen, doch in der Hektik des Einkaufs vergleichen die wenigsten diese Angaben wirklich. Stattdessen verlassen wir uns auf die Annahme, dass „mehr gleich günstiger“ bedeutet – eine Annahme, die Händler geschickt ausnutzen können.

Limitierte Editionen als Verkaufstrick

Saisonale Geschmacksrichtungen oder limitierte Editionen gehören ebenfalls zum Repertoire der Verkaufsförderung. Diese Produkte erzeugen einen Sammlereffekt und das Gefühl, etwas Besonderes nicht verpassen zu dürfen. Tatsächlich handelt es sich meist um minimale Geschmacksvariationen des Standardprodukts – oft zum höheren Preis. Die künstliche Verknappung durch zeitlich begrenzte Verfügbarkeit spricht unser Belohnungssystem an. Wir kaufen nicht aus rationalem Bedarf, sondern aus der Angst heraus, eine einmalige Gelegenheit zu versäumen.

Funktionelle Kaugummis als neuer Markttrend

Der Kaugummimarkt hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Funktionelle Kaugummis, die über das reine Frischegefühl hinausgehen, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Der weltweite Markt für funktionelle Kaugummis hatte 2022 einen Wert von 1,84 Milliarden US-Dollar und wird bis 2031 auf 3,89 Milliarden US-Dollar geschätzt. Diese Varianten werden medizinisch eingesetzt, beispielsweise zur Verkürzung der postoperativen Erholungszeit. Sie sollen die Zahngesundheit erhalten, das Gedächtnis verbessern, Schläfrigkeit bekämpfen und depressive Symptome lindern.

Diese Entwicklung zeigt, wie vielfältig die Produktpalette mittlerweile ist und wie gezielt unterschiedliche Bedürfnisse angesprochen werden. Für Händler bedeutet dies neue Möglichkeiten, höhere Preise zu rechtfertigen und weitere Käuferschichten zu erschließen. Die Positionierung als Wellness- oder Gesundheitsprodukt macht Kaugummi noch attraktiver für Impulskäufe.

Strategien für bewusste Kaufentscheidungen

Um sich vor diesen Marketingtricks zu schützen, hilft ein bewusster Umgang mit Sonderangeboten. Der Blick auf den Grundpreis pro 100 Gramm oder pro Stück gibt Aufschluss über das tatsächliche Preis-Leistungs-Verhältnis. Vor jedem Kauf lohnt sich die Frage: Brauche ich wirklich drei Packungen, nur weil sie günstiger erscheinen? Wer regelmäßig die Normalpreise seiner Lieblingsprodukte kennt, erkennt echte Schnäppchen leichter. Die Kassenzone bewusst zu ignorieren oder nur mit konkretem Bedarf dort zuzugreifen, schützt vor ungeplanten Ausgaben.

Einkaufslisten als wirksamer Schutz

Eine praktische Methode besteht darin, Einkaufslisten zu erstellen und sich konsequent daran zu halten. Was nicht auf der Liste steht, landet nicht im Wagen – egal wie verlockend das Angebot erscheint. Diese einfache Regel schützt effektiv vor den meisten Impulskäufen an der Kasse. Ein Vorrat ist nur dann sinnvoll, wenn er tatsächlich genutzt wird und nicht im Schrank vergessen wird.

Wie Händler vom Kaufverhalten profitieren

Händler investieren erhebliche Summen in die Erforschung des Kaufverhaltens. Jede Produktplatzierung, jeder Preis und jede Aktion basiert auf Daten und psychologischen Erkenntnissen. Kaugummi eignet sich dabei besonders gut für Testzwecke: Das Produkt ist günstig genug für spontane Käufe, emotional aufgeladen durch Frische-Assoziationen und gleichzeitig ein Massenprodukt mit hoher Umschlagfrequenz. Die Gewinnmargen sind überdurchschnittlich hoch – ein Grund mehr, dieses Produkt prominent zu platzieren und durch geschickte Preisgestaltung den Absatz zu fördern.

Nicht jedes Sonderangebot ist per se schlecht, und Mengenrabatte können durchaus sinnvoll sein – wenn sie zu unserem tatsächlichen Verbrauch passen. Der Schlüssel liegt in der bewussten Kaufentscheidung. Wer sich der eingesetzten Marketingtricks bewusst ist, kann diese für sich nutzen, statt von ihnen genutzt zu werden. Die Erkenntnis, dass hinter jedem noch so harmlosen Produkt wie Kaugummi ausgefeilte Verkaufsstrategien stehen, gibt uns als Verbrauchern die Kontrolle zurück. Wir können selbst entscheiden, wann ein Angebot wirklich vorteilhaft ist – und wann wir geschickt zu einem Kauf verleitet werden sollten, den wir eigentlich gar nicht brauchen.

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