Fruchtsäfte für Kinder gelten bei vielen Eltern als gesunde Alternative zu Limonaden und anderen Softdrinks. Die bunten Verpackungen mit fröhlichen Motiven und Versprechen wie „100% Frucht“ oder „ohne Zuckerzusatz“ suggerieren ein nahrhaftes Getränk für die Kleinen. Doch die Realität sieht anders aus: Fruchtsäfte enthalten hohe Zuckermengen, die mit denen von klassischen Süßgetränken vergleichbar sind. Ein Glas mit 200 Millilitern kann etwa 15 bis 20 Gramm Zucker enthalten – das entspricht bis zu sechs Würfelzuckern.
Warum natürlicher Fruchtzucker genauso problematisch ist
Das grundlegende Problem liegt in der Art und Weise, wie Fruchtsäfte präsentiert werden. Selbst wenn tatsächlich kein zusätzlicher Zucker hinzugefügt wurde, enthalten Säfte von Natur aus erhebliche Mengen Fruchtzucker. Der Hinweis „ohne Zuckerzusatz“ klingt beruhigend, verschleiert aber die Tatsache, dass Fruchtzucker wie Haushaltszucker wirkt. Der Körper unterscheidet nicht zwischen diesen Zuckerarten, wenn es um die Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel und die Zahngesundheit geht. Laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte liegt die maximale empfohlene tägliche Zuckeraufnahme für Kinder zwischen vier und sechs Jahren bei 25 Gramm aus allen Quellen.
Besonders problematisch wird es bei Mehrfruchtgetränken, die verschiedene Fruchtsaftkonzentrate kombinieren. Hier werden oft süßere Fruchtsorten wie Trauben oder Äpfel als Basis verwendet, um den Geschmack zu intensivieren und gleichzeitig die Produktionskosten zu senken. Das Ergebnis: noch mehr versteckter Zucker, der in der Nährwerttabelle unter „Kohlenhydrate, davon Zucker“ aufgeführt wird.
So lest ihr die Nährwerttabelle richtig
Die Nährwerttabelle auf Fruchtsaftverpackungen kann für ungeübte Augen irreführend sein. Häufig werden Angaben pro 100 Milliliter gemacht, während übliche Trinkportionen deutlich größer ausfallen. Ein Kind trinkt selten nur 100 Milliliter – realistische Portionen liegen eher bei 200 bis 250 Millilitern. Bei einem durchschnittlich gesüßten Kindergetränk mit einem Zuckergehalt von etwa 7,8 Prozent bedeutet ein 250-Milliliter-Glas bereits knapp 20 Gramm Zucker – das sind fast 80 Prozent der empfohlenen Tagesmenge.
Auf vielen Verpackungen findet sich die Angabe des Prozentsatzes der Referenzmenge für die tägliche Zufuhr. Diese Werte basieren jedoch auf den Bedürfnissen eines durchschnittlichen Erwachsenen mit einem Energiebedarf von etwa 2000 Kilokalorien. Für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter sind diese Referenzwerte völlig ungeeignet, da ihr Energiebedarf deutlich niedriger liegt. Ein Getränk, das für einen Erwachsenen 10 Prozent der empfohlenen Tageszufuhr an Zucker darstellt, kann für ein vierjähriges Kind bereits 25 Prozent oder mehr bedeuten.
Marketing-Tricks durchschauen
Hersteller nutzen geschickt verschiedene Formulierungen, um ihre Produkte gesünder erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich sind. Begriffe wie „natürlich“, „aus Direktsaft“ oder „vitaminreich“ lenken die Aufmerksamkeit auf positive Aspekte, während der hohe Zuckergehalt in den Hintergrund rückt. Auch bildliche Darstellungen von frischem Obst auf der Verpackung suggerieren Natürlichkeit und Gesundheit, obwohl das Produkt ernährungsphysiologisch problematisch sein kann.
Eine aktuelle Marktstudie von foodwatch zeigt das Ausmaß des Problems: Von 136 untersuchten Kindergetränken aus Supermärkten wie Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Kaufland waren 86 Prozent überzuckert. Diese Produkte enthielten mehr als 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Besonders auffällig: Unter den zuckrigsten Getränken finden sich auch viele reine Fruchtsäfte ohne Zuckerzusatz.
Welche gesundheitlichen Risiken drohen
Der regelmäßige Konsum zuckerreicher Fruchtsäfte kann weitreichende Konsequenzen haben. Karies ist dabei nur die offensichtlichste Folge. Die ständige Zufuhr von schnell verfügbaren Kohlenhydraten trainiert den kindlichen Geschmackssinn auf Süße und kann langfristig die Präferenz für zuckerhaltige Lebensmittel prägen. Eine Analyse von elf internationalen Studien belegt, dass ein regelmäßiger Konsum zuckerhaltiger Getränke für etwa ein Fünftel des Risikos der Fettleibigkeit im Kindes- und Jugendalter verantwortlich ist. Die Weltgesundheitsorganisation identifiziert zuckerhaltige Getränke als wesentliche Treiber für Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Hinzu kommt ein oft übersehener Aspekt: Wenn Kinder ihre Kalorien trinken statt essen, fehlt das Sättigungsgefühl, das feste Nahrung vermittelt. Ein Apfel enthält zwar ähnliche Mengen an Zucker wie ein Glas Apfelsaft, doch die enthaltenen Ballaststoffe sorgen für ein längeres Sättigungsgefühl und verlangsamen die Zuckeraufnahme ins Blut. Beim Saft fehlt dieser Mechanismus vollständig.
Praktische Tipps für den Einkauf
Um als Elternteil informierte Entscheidungen treffen zu können, sind einige grundlegende Strategien hilfreich. Ignoriert die Marketingversprechen auf der Vorderseite und konzentriert euch ausschließlich auf die Nährwertangaben auf der Rückseite. Multipliziert die Angaben pro 100 Milliliter mit der tatsächlichen Trinkmenge eures Kindes, um den realen Zuckergehalt zu ermitteln. In der Zutatenliste gilt: Je weiter vorne eine Zutat aufgeführt ist, desto höher ist ihr Anteil im Produkt. Fruchtsaftkonzentrate von süßen Früchten an erster Stelle sind ein Warnzeichen.
Wenn Fruchtsaft, dann stark verdünnt mit Wasser im Verhältnis 1:3 oder 1:4, um den Zuckergehalt zu reduzieren. Je früher Kinder lernen, Wasser als Hauptgetränk zu akzeptieren, desto einfacher wird die langfristige Ernährungsgewohnheit. Die Stiftung Kindergesundheit empfiehlt Wasser als bestes Getränk für Kinder. Kinder benötigen durchschnittlich 5 bis 6 Gläser Flüssigkeit pro Tag und sollten von klein auf lernen, dass Wasser ein wohlschmeckendes Getränk ist.
Bessere Alternativen finden
Statt Fruchtsaft können ungesüßte Früchtetees oder selbstgemachtes Wasser mit Gurken- oder Zitronenscheiben interessante Alternativen darstellen. Bei selbstgemachten Smoothies sollte allerdings beachtet werden, dass auch hier der Zuckergehalt durch die Konzentration mehrerer Früchte schnell ansteigt. Eine Faustregel: Mindestens die Hälfte sollte aus Gemüse wie Spinat, Gurke oder Sellerie bestehen. In Kindertagesstätten und Schulen sollten grundsätzlich keine zuckerhaltigen Getränke angeboten werden.
Was Politik und Industrie ändern müssen
Während Eltern in der Verantwortung stehen, die Ernährung ihrer Kinder zu steuern, wäre eine klarere Kennzeichnungspflicht wünschenswert. Einige Experten fordern eine deutlichere Kennzeichnung direkt auf der Vorderseite der Verpackung sowie Werbeschranken für überzuckerte Kindergetränke. Ein Blick nach Großbritannien zeigt, was strengere Regulierung bewirken kann: Dort führte eine Steuer auf Getränke mit über 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter zu einer 30-prozentigen Reduktion des Zuckergehalts in Getränken. In Deutschland hingegen wurde durch freiwillige Maßnahmen der Industrie nur eine Reduktion von etwa 2 Prozent erreicht.
Eine Differenzierung in der Nährwertkennzeichnung zwischen zugesetztem und natürlich vorhandenem Zucker könnte für mehr Transparenz sorgen. Beide Zuckerarten mögen metabolisch ähnlich wirken, doch für Verbraucher wäre es hilfreich zu wissen, ob ein Produkt bewusst mit Zucker angereichert wurde oder ob der Zuckergehalt ausschließlich aus den verwendeten Früchten stammt.
Die Entscheidung, was in den Einkaufswagen kommt, liegt letztlich bei den Eltern. Mit dem richtigen Wissen über die tatsächlichen Nährwerte und der Fähigkeit, Marketingstrategien zu durchschauen, lässt sich der Zuckerkonsum der Kinder deutlich besser kontrollieren. Fruchtsaft muss nicht vollständig gemieden werden, sollte aber als gelegentlicher Genuss und nicht als tägliches Standardgetränk betrachtet werden. Wer die Nährwerttabelle zur Gewohnheit macht und kritisch hinterfragt, schützt die Gesundheit der Familie nachhaltig.
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