Ihr Hähnchen hat eine geheime Vergangenheit: Warum regionale Herkunftsangaben oft bedeutungslos sind

Beim Griff ins Kühlregal begegnen uns zahlreiche Angaben zur Herkunft von Hühnerfleisch – doch was verraten diese Labels tatsächlich über den Weg, den das Produkt zurückgelegt hat? Die Kennzeichnungsvorschriften mögen auf den ersten Blick transparent erscheinen, bei genauerem Hinsehen offenbaren sich jedoch Lücken und Interpretationsspielräume, die selbst aufmerksame Käufer verwirren können. Während viele davon ausgehen, dass ein Huhn mit der Angabe „Aufgezogen in Deutschland“ auch hier geboren wurde, sieht die Realität oft anders aus.

Das System der Herkunftskennzeichnung entschlüsseln

Die gesetzlichen Vorgaben zur Kennzeichnung von Geflügelfleisch unterscheiden sich von anderen Fleischsorten. Seit Februar 2024 sind Herkunftsangaben für Geflügelfleisch EU-weit verpflichtend. Anders als bei Rindfleisch, wo Rückverfolgbarkeit bis zum einzelnen Tier mit Referenznummern möglich ist, fallen die Angaben bei Geflügel allgemeiner aus. Die zentrale Angabe auf der Verpackung bezieht sich auf den Ort der Aufzucht und Schlachtung – nicht zwingend auf den Geburtsort der Tiere.

Ein Küken kann durchaus in einem osteuropäischen Brutbetrieb geschlüpft sein, bevor es mit wenigen Lebenstagen nach Deutschland transportiert wird. Sobald es hier die längste Phase seiner kurzen Lebensspanne verbringt, darf das spätere Fleisch als „aufgezogen in Deutschland“ deklariert werden. Diese Praxis ist legal und weit verbreitet, wird aber selten deutlich kommuniziert.

Warum die geografische Angabe nicht die ganze Wahrheit erzählt

Die Komplexität beginnt bereits bei der Definition dessen, was als Herkunftsland gilt. Nach EU-Recht muss das Land angegeben werden, in dem die Tiere die längste Zeit verbracht haben – typischerweise die Mastphase vor der Schlachtung. Doch die Wertschöpfungskette der modernen Geflügelwirtschaft erstreckt sich häufig über mehrere Länder: Von der Zucht und Vermehrung der Elterntiere in spezialisierten Betrieben über Brütereien, die sich auf die Eierausbrütung konzentrieren, bis hin zu Mastbetrieben für die eigentliche Aufzucht, Schlachthöfen und Zerlegebetrieben sowie Verpackungs- und Vertriebszentren.

Jede dieser Stationen kann sich in einem anderen Land befinden, ohne dass dies zwingend auf der Endverpackung ersichtlich wird. Die Angabe „Herkunft: Deutschland“ bedeutet lediglich, dass die Mast hier stattfand – über die vorherigen Stationen schweigt das Etikett.

Regional versus national: Der feine Unterschied

Besonders tückisch wird es bei regionalen Herkunftsversprechen. Während nationale Herkunftsangaben durch EU-Verordnungen geregelt sind, bewegen sich regionalere Aussagen oft in einer Grauzone. Eine Formulierung wie „Aus der Region“ kann unterschiedlichste Gebiete umfassen – von einem einzelnen Bundesland bis zu mehreren angrenzenden Landkreisen oder sogar länderübergreifenden Wirtschaftsräumen.

Zudem gibt es keine einheitliche Definition, wie groß eine „Region“ sein darf. Ein Mastbetrieb im äußersten Zipfel eines Bundeslandes kann theoretisch sein Produkt als regional vermarkten, obwohl weite Teile dieses Bundeslandes hunderte Kilometer entfernt liegen. Für Verbraucher, die bewusst kurze Transportwege unterstützen möchten, ist dies problematisch.

Die versteckten Hinweise auf der Verpackung

Wer die tatsächliche Herkunft nachvollziehen möchte, sollte gezielt nach bestimmten Angaben suchen. Das Veterinärkontrollzeichen verrät mehr als viele vermuten: Diese Kennzeichnung enthält neben dem Länderkürzel auch eine Zulassungsnummer des Schlachtbetriebs. Mit dieser Nummer lässt sich zumindest der Schlachtort identifizieren – ein erster Anhaltspunkt, wenn auch nicht das vollständige Bild. Bei nicht im eigenen Betrieb zerlegtem Fleisch ist auch die Zerlegungsbetriebsnummer enthalten.

Ebenfalls aufschlussreich ist die genaue Formulierung der Herkunftsangabe. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob dort steht „Aufgezogen in“ oder „Ursprung“. Während ersteres nur die Mastphase beschreibt, darf die Bezeichnung „Ursprung“ nur verwendet werden, wenn Geburt, Aufzucht und Schlachtung nachweislich in einem einzigen Land stattfinden. „Ursprung“ signalisiert also tatsächlich eine vollständigere und transparentere Herkunftsangabe.

Was Qualitätssiegel wirklich aussagen

Verschiedene Labels versprechen zusätzliche Transparenz, doch auch hier lohnt der genaue Blick. Manche Programme garantieren tatsächlich, dass alle Produktionsschritte ab der Brüterei in einem bestimmten geografischen Gebiet stattfinden. Andere konzentrieren sich primär auf Haltungsbedingungen oder Fütterung, während die geografische Herkunft nachrangig bleibt. Studien zeigen, dass Tierwohllabels den Kaufanteil erhöhen, wenn Verbraucher deren Bedeutung verstehen.

Besonders aussagekräftig sind Zertifizierungen, die explizit die gesamte Produktionskette dokumentieren und dies auch nachprüfbar machen. Systeme mit Rückverfolgungscodes ermöglichen es teilweise sogar, online den konkreten Mastbetrieb zu identifizieren. Solche Transparenztools sind jedoch noch längst nicht flächendeckend verfügbar.

Die Realität der internationalen Geflügelwirtschaft

Der globalisierte Charakter der Geflügelproduktion ist ökonomisch gewachsen. Spezialisierte Zuchtunternehmen konzentrieren sich auf die Entwicklung ertragreicher Linien, große Brütereien optimieren den Schlupfprozess, und Mastbetriebe fokussieren sich auf effiziente Aufzucht. Diese Arbeitsteilung führt zwangsläufig zu grenzüberschreitenden Warenströmen.

Eintagsküken werden häufig über weite Strecken transportiert, weil dies wirtschaftlicher ist als der Aufbau vollständiger Produktionsketten in jedem Land. Die Tiere verkraften solche Transporte in diesem Alter in der Regel besser als erwachsene Tiere – ein Argument, das die Branche für diese Praxis anführt. Kritiker bemängeln dennoch den Stress für die Jungtiere und die Intransparenz für Konsumenten.

Praktische Strategien für bewussten Einkauf

Wer Wert auf nachvollziehbare Herkunft legt, kann konkrete Schritte unternehmen. Der direkteste Weg führt über Hofläden und Direktvermarkter, die ihre eigene Aufzucht betreiben und Auskunft über ihre Bezugsquellen geben können. Hier lässt sich oft im persönlichen Gespräch klären, woher die Küken stammen und wie die gesamte Produktionskette aussieht.

Auch an der Frischetheke bieten sich Nachfragemöglichkeiten. Geschultes Personal sollte zumindest über den Schlachtbetrieb und idealerweise auch über die Mastbetriebe Auskunft geben können. Wenn solche Informationen nicht verfügbar sind oder ausweichend geantwortet wird, sagt auch dies etwas über die Transparenzbereitschaft des Anbieters aus.

Digitale Hilfsmittel nutzen

Verschiedene Apps und Websites haben sich der Aufgabe verschrieben, Lebensmittelkennzeichnungen zu entschlüsseln. Einige ermöglichen das Scannen von Barcodes und liefern zusätzliche Informationen zur Herkunft, die über die Verpackungsangaben hinausgehen. Andere bieten Datenbanken mit Veterinärkontrollnummern, über die sich Schlachtbetriebe lokalisieren lassen.

Solche Tools ersetzen zwar nicht die vollständige Transparenz, können aber zusätzliche Puzzleteile liefern. Besonders hilfreich sind Plattformen, die Nutzerbewertungen und Erfahrungsberichte integrieren und so ein umfassenderes Bild ermöglichen.

Woran sich die Branche messen lassen muss

Die Forderung nach klarerer Kennzeichnung wird lauter. Verbraucherschützer plädieren für verpflichtende Angaben zu allen wesentlichen Produktionsschritten – von der Brüterei über die Mast bis zur Verarbeitung. Nur so könnten Konsumenten wirklich informierte Entscheidungen treffen.

Einige Handelsketten und Produzenten gehen bereits freiwillig weiter als gesetzlich vorgeschrieben und dokumentieren ihre Lieferketten detailliert. Dies zeigt, dass umfassende Transparenz möglich ist, wenn der Wille dazu besteht. Der wirtschaftliche Erfolg solcher Initiativen könnte andere Anbieter zum Nachziehen bewegen – vorausgesetzt, Verbraucher honorieren diese Offenheit durch ihre Kaufentscheidungen.

Die Herkunftsfrage bei Hühnerfleisch bleibt komplexer, als es die schlichten Etiketten im Supermarkt suggerieren. Zwischen gesetzlichen Mindestanforderungen und tatsächlicher Produktrealität klafft eine Lücke, die kritisches Hinterfragen erfordert. Wer diese Mechanismen versteht und die richtigen Fragen stellt, kann jedoch auch heute schon bewusstere Entscheidungen treffen und jene Anbieter unterstützen, die Transparenz nicht als Marketinginstrument, sondern als Grundhaltung verstehen.

Hast du jemals aufs Veterinärkontrollzeichen auf Hühnerfleisch geachtet?
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