Was bedeutet es, wenn du nichts auf deinem Handy löschen kannst, laut Psychologie?

Dein Handy ist voll, dein Kopf auch – Willkommen im digitalen Messie-Paradies

Hand aufs Herz: Wie viele ungelesene E-Mails hast du gerade? Und diese 237 Screenshots von irgendwelchen Twitter-Posts, die du dir später nochmal anschauen wolltest? Oder die 63 Apps auf deinem Smartphone, von denen du 58 seit einem halben Jahr nicht geöffnet hast? Falls du gerade nervös auf dein Handy schaust und überlegst, es heimlich unter dem Sofa zu verstecken – keine Sorge, du bist nicht allein. Aber vielleicht solltest du trotzdem weiterlesen, denn dieses digitale Chaos könnte mehr sein als nur Faulheit.

Willkommen in der wunderbaren Welt des Digital Hoarding, zu Deutsch: digitales Horten. Und nein, das ist kein fancy Begriff, den sich irgendein Lifestyle-Blogger ausgedacht hat. Das ist ein echtes klinisches Phänomen, das 2015 erstmals im British Medical Journal dokumentiert wurde. Niederländische Psychiater beschrieben damals den Fall eines 47-jährigen Mannes, der jeden Tag etwa tausend Fotos machte. Tausend. Jeden. Einzelnen. Tag. Und er konnte sich von keinem einzigen trennen. Der Mann war kein professioneller Fotograf oder Instagram-Influencer – er hatte schlicht die Kontrolle über seine digitale Welt verloren.

Was zum Teufel ist Digital Hoarding überhaupt?

Bevor du jetzt in Panik gerätst und dein komplettes Handy formatierst: Ein voller Speicher macht dich nicht automatisch zum digitalen Messie. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen „Ich bin zu faul zum Aufräumen“ und „Ich kann physisch nicht löschen, ohne dabei zusammenzubrechen“.

Digital Hoarding ist eine Spielart des klassischen Messie-Syndroms, das die Weltgesundheitsorganisation im ICD-11 unter dem Code 6B24 als pathologisches Horten auflistet. Die digitale Variante funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Menschen verspüren einen überwältigenden Drang, Dinge zu sammeln, und können sich dann nicht mehr davon trennen. Nur dass es diesmal nicht um die Zeitungsstapel bis zur Decke geht, sondern um Gigabytes an digitalen Daten, die irgendwo in der Cloud oder auf der Festplatte vor sich hin gammeln.

Das Entscheidende ist die funktionale Beeinträchtigung. Wenn du Stunden damit verbringst, deine 47.000 Fotos in Ordner zu sortieren, anstatt mit Freunden rauszugehen, haben wir ein Problem. Wenn du beim Gedanken, eine einzige Datei zu löschen, Schweißausbrüche bekommst und dein Herz rast – dann könnte es mehr als nur digitale Unordnung sein.

Die Wissenschaft hinter deinem digitalen Chaos

Jetzt wird es richtig spannend. Eine Studie von Darshana Sedera und Kollegen aus dem Jahr 2022 im Information Systems Journal hat 846 Menschen untersucht und dabei einen ziemlich eindeutigen Zusammenhang zwischen digitalem Horten und Angstzuständen gefunden. Nick Neave von der Northumbria University, der zur Hoarding Research Group gehört, beschreibt das als klassische Henne-Ei-Situation: Menschen mit höherem Angstniveau neigen stärker zum digitalen Horten. Aber – Plot Twist – sie werden gleichzeitig noch ängstlicher, wenn die digitale Unordnung zunimmt und alles außer Kontrolle gerät.

Das ist wie eine psychologische Abwärtsspirale auf Steroiden. Du fühlst dich gestresst oder unsicher, also sammelst du digitale Inhalte als eine Art Sicherheitsnetz. Das gibt dir kurzfristig ein gutes Gefühl – „Super, ich habe alle wichtigen Infos gespeichert, ich bin vorbereitet!“ Aber je mehr sich ansammelt, desto chaotischer wird es. Du findest nichts mehr wieder, fühlst dich komplett überfordert von der schieren Masse, und die Angst steigt weiter. Was machst du also? Richtig, du sammelst noch mehr, weil das Löschen noch beängstigender ist als das Chaos selbst. Herzlichen Glückwunsch, du hast gerade die dümmste Feedbackschleife deines Lebens erschaffen.

Warum können wir uns von digitalem Kram nicht trennen?

Die Forschung zum klassischen Hoarding Disorder zeigt, dass Menschen ihre Besitztümer – egal ob physisch oder digital – mit fundamentalen emotionalen Bedürfnissen verknüpfen. Es geht um Erinnerungen, Sicherheit, manchmal sogar um Identität. Dieser Screenshot von einem lustigen Chat mit deiner besten Freundin? Das ist nicht nur ein Bild, das ist ein Stück eurer Freundschaft, digital konserviert. Diese 200 Urlaubsfotos, von denen 180 verwackelt oder überbelichtet sind? Das sind deine Erinnerungen, und sie zu löschen fühlt sich an wie emotionaler Verrat an deinem vergangenen Ich.

Hier kommt die brutale Wahrheit: Das Wegwerfen digitaler Inhalte löst bei Menschen mit Hortungstendenzen intensive negative Gefühle aus. Traurigkeit, Angst, Schuldgefühle – das volle Programm. Gleichzeitig aktiviert das Sammeln positive Emotionen wie Freude und Geborgenheit. Dein Gehirn ist nicht blöd – es lernt schnell: Behalten gleich gutes Gefühl, Löschen gleich schlechtes Gefühl. Und wer will sich schon freiwillig schlecht fühlen?

Die Angst, etwas zu verpassen – auf einer ganz anderen Ebene

Verlustangst oder Fear of Missing Out – kurz FOMO – kennst du vermutlich. Aber beim digitalen Horten geht es nicht nur darum, das neueste Meme zu verpassen. Es geht um eine viel tiefere, existenzielle Angst, etwas Wichtiges zu verlieren, das du später vielleicht brauchen könntest.

„Was, wenn ich diese E-Mail von 2017 doch noch mal brauche?“ „Was, wenn diese App irgendwann nützlich wird, auch wenn ich sie seit acht Monaten nicht geöffnet habe?“ „Was, wenn ich diese Erinnerung komplett vergesse, sobald ich das Foto lösche?“ Diese Gedankenmuster sind typisch für digitales Horten und zeigen, wie sehr wir unsere digitalen Besitztümer mit praktischem Nutzen und emotionaler Sicherheit verweben.

Das Tückische am digitalen Horten im Vergleich zum physischen Messie-Syndrom: Der Schmerz kommt verzögert. Wenn dein Zimmer voller Krempel ist, siehst und riechst du das Problem sofort. Aber digitale Daten? Die verstecken sich gemütlich in Cloud-Speichern und auf Festplatten, völlig unsichtbar, bis dein Gerät plötzlich abstürzt oder du verzweifelt nach dieser einen wichtigen Datei suchst und sie in einem Ozean von 15.000 anderen Dateien nicht findest. Dann erst merkst du: Houston, wir haben ein Problem.

Dein Gehirn ist nicht fürs Löschen gemacht

Die Forschung zu Hortungsstörungen hat gezeigt, dass Betroffene oft Schwierigkeiten mit bestimmten kognitiven Funktionen haben. Randy Frost und Gail Steketee haben das 2010 in ihrem Standardwerk über zwanghaftes Horten ausführlich beschrieben: Probleme bei der Kategorisierung, bei der Planung, bei der Entscheidungsfindung. Und genau hier wird Digital Hoarding zum Albtraum.

Überleg mal: Um deinen digitalen Speicher aufzuräumen, musst du tausende winzige Entscheidungen treffen. Behalten oder löschen? Wichtig oder unwichtig? In welchen Ordner soll das? Welche Kategorie? Brauche ich das wirklich? Für Menschen, die bereits Schwierigkeiten mit Entscheidungen haben, ist das wie der Versuch, den Mount Everest mit einem Teelöffel abzutragen. Die Aufgabe ist so überwältigend, dass das Gehirn einfach kapituliert und gar nichts macht. Problem gelöst – oder eben nicht.

Was passiert, wenn dein digitales Leben außer Kontrolle gerät?

Du denkst jetzt vielleicht: „Na und? Mein Handy ist voll, aber das Leben geht weiter.“ Aber die psychologischen Auswirkungen sind realer, als du glaubst.

Menschen mit Digital Hoarding berichten von chronischem Stress, Lähmungsgefühlen und erhöhten Angstzuständen – nicht nur von nervigen technischen Problemen wie „Speicher voll“. Die ständige mentale Last, zu wissen, dass da draußen ein gigantisches digitales Chaos auf dich wartet, wirkt wie ein unsichtbares Gewicht auf deiner Psyche. Es ist wie ein offener Browser-Tab in deinem Gehirn, der permanent Energie und Aufmerksamkeit abzieht.

Manche Betroffene verbringen buchstäblich Stunden damit, ihre Dateien zu organisieren, neue Ordnersysteme zu entwickeln oder nach bestimmten Inhalten zu suchen, anstatt produktive Dinge zu tun oder Zeit mit echten Menschen zu verbringen. Und das ist der Punkt, wo aus einer schlechten digitalen Angewohnheit eine echte Lebensbeeinträchtigung wird.

Normal unordentlich oder klinisch auffällig?

Jetzt kommt die wichtige Einschränkung, die du kennen solltest: Die allermeisten Menschen mit vollen Smartphones und chaotischen E-Mail-Postfächern leiden nicht unter einer klinischen Störung. Der Unterschied liegt in der Intensität und den realen Konsequenzen für dein Leben.

Normale digitale Unordnung klingt so: „Ja, ich sollte echt mal aufräumen, aber ich hab keine Lust. Nervt ein bisschen, aber ist nicht so wild.“

Digitales Horten mit klinischem Charakter klingt eher so: „Ich kann nicht löschen, ohne intensive negative Emotionen zu empfinden. Die Unordnung beeinträchtigt mein Leben massiv, aber die Vorstellung aufzuräumen, lähmt mich komplett. Ich verbringe Stunden mit Sortieren und finde trotzdem nichts. Ich fühle mich gefangen.“

Experten betonen immer wieder: Nicht jeder Mensch mit unnötigen Dateien ist automatisch ein digitaler Horter. Die Störung erfordert eine erhebliche funktionale Beeinträchtigung – wenn das digitale Chaos beginnt, andere wichtige Lebensbereiche zu beeinträchtigen oder wenn der emotionale Stress unerträglich wird.

Was dein digitales Verhalten über dich verrät

Auch wenn du nicht unter klinischem Digital Hoarding leidest, können deine digitalen Gewohnheiten durchaus interessante Einblicke in deine Psyche geben. Die Art, wie du mit digitalen Inhalten umgehst, spiegelt oft wider, wie du generell mit Entscheidungen, Unsicherheit und Kontrolle umgehst.

Sammelst du obsessiv Screenshots von Gesprächen? Vielleicht hast du ein stärkeres Bedürfnis nach Sicherheit oder nach dokumentierbarer Wahrheit – nach Beweisen, falls du sie jemals brauchen solltest. Kannst du keine Apps löschen, weil du sie „vielleicht irgendwann mal brauchst“? Das deutet auf eine Tendenz hin, dich auf alle möglichen Zukunftsszenarien vorbereiten zu wollen – klassisches Kontrollverhalten in einer unsicheren Welt.

Hast du tausende ungelesene E-Mails? Das könnte ein Symbol für unerledigte Aufgaben und ungeklärte Kommunikation sein, die du lieber verdrängst, als dich damit auseinanderzusetzen. Jede ungelesene E-Mail ist im Grunde eine kleine Entscheidung, die du aufgeschoben hast. Und je mehr sich ansammeln, desto größer wird der Berg an Vermeidung.

Es gibt tatsächlich Lösungen

Falls du erkennst, dass dein digitales Verhalten problematisch geworden ist, gibt es Hoffnung. Wie beim physischen Hoarding Disorder profitiert auch Digital Hoarding von kognitiver Verhaltenstherapie. Gail Steketee und Randy Frost haben 2007 evidenzbasierte Behandlungsmethoden für Hortungsstörungen entwickelt, die auch bei digitalen Varianten wirksam sein können.

Für weniger schwere Fälle – also für die meisten von uns – können auch praktische Strategien helfen. Hier sind ein paar, die tatsächlich funktionieren:

  • Die Fünf-Minuten-Regel: Nimm dir jeden Tag genau fünf Minuten Zeit, um bewusst digitale Inhalte zu löschen. Nicht mehr, nicht weniger. Stell dir einen Timer. Das macht die Aufgabe weniger überwältigend und gibt dir ein Gefühl von Kontrolle.
  • Die Sechs-Monats-Methode: Alles, was du seit sechs Monaten nicht angeschaut oder benutzt hast, fliegt raus. Wenn es wirklich wichtig wäre, hättest du es in dieser Zeit gebraucht. Punkt.
  • Die emotionale Distanzierung: Erkenne und akzeptiere, dass ein Foto zu löschen nicht bedeutet, die Erinnerung zu löschen. Dein Gehirn ist der bessere Speicher für wirklich wichtige Momente – Festplatten sind nur Krücken.
  • Die Ein-rein-eins-raus-Regel: Für jede neue App, die du installierst, muss eine alte gelöscht werden. Gleiches gilt für Fotos oder Dateien. Das hält dein digitales Leben automatisch im Gleichgewicht.

Die unbequeme Wahrheit über die Forschung

Jetzt müssen wir mal ehrlich sein: Es gibt deutlich weniger wissenschaftliche Forschung zu Digital Hoarding als zu physischem Horten. Die meisten Erkenntnisse stammen aus Fallberichten, kleineren Studien und Übertragungen von Prinzipien des klassischen Messie-Syndroms auf die digitale Welt.

Das bedeutet nicht, dass das Phänomen nicht real ist – die erste klinische Beschreibung von 2015 im British Medical Journal und die Studie von Sedera aus 2022 zeigen deutlich, dass Menschen unter digitalem Horten leiden. Aber es bedeutet, dass wir vorsichtig sein sollten mit allzu definitiven Aussagen. Die Forschung steht noch relativ am Anfang, und nicht alle Mechanismen sind vollständig verstanden.

Was wir sicher wissen: Digital Hoarding existiert als diagnostisches Phänomen. Es ist mit psychologischen Problemen wie Angststörungen verbunden. Verlustangst und emotionale Bindung spielen eine dokumentierte Rolle. Was wir noch nicht genau wissen: Wie verbreitet es wirklich ist, welche langfristigen Auswirkungen es hat, und welche spezifischen Behandlungsmethoden am effektivsten sind. Die Wissenschaft arbeitet daran, aber bis dahin bewegen wir uns teilweise auf Grundlage plausibler Annahmen.

Dein Smartphone ist psychologischer Raum

Eine der faszinierendsten Erkenntnisse aus der ganzen Digital-Hoarding-Forschung ist diese: Unsere digitalen Räume sind psychologisch gesehen genauso bedeutsam wie unsere physischen Räume. Das digitale Chaos auf deinem Handy oder Computer ist nicht einfach nur eine technische Unannehmlichkeit – es ist eine Erweiterung und ein Spiegel deines mentalen Zustands.

In einer Welt, in der wir durchschnittlich mehrere Stunden täglich auf Bildschirme starren und unser Leben zunehmend in digitalen Räumen stattfindet, wäre es naiv zu denken, dass unser Umgang mit digitalen Inhalten keine psychologischen Auswirkungen hätte. Dein Smartphone-Homescreen ist im Grunde deine digitale Wohnung, und wie du diese Wohnung pflegst – oder eben nicht pflegst – sagt verdammt viel über dein inneres Leben aus.

Die ernüchternde Wahrheit

Also, leidest du unter dem Digital Hoarding Syndrom? Vermutlich nicht – zumindest nicht in der klinischen Bedeutung des Wortes. Die Chancen stehen gut, dass du einfach nur ein bisschen digital chaotisch bist wie die meisten Menschen im Jahr 2024. Aber es ist durchaus möglich, dass deine digitalen Gewohnheiten nicht optimal sind und dass ein bisschen digitale Hygiene deiner mentalen Gesundheit guttun würde.

Der Schlüssel liegt darin, ehrlich mit dir selbst zu sein. Verursacht dein digitales Verhalten echten, anhaltenden Stress? Beeinträchtigt es dein Leben auf bedeutsame Weise? Verbringst du Stunden mit Sortieren ohne Ergebnis? Fühlst du intensive negative Emotionen beim Gedanken ans Löschen? Dann könnte es Zeit sein, professionelle Hilfe zu suchen. Eine Therapie ist keine Schande, sondern ein intelligenter Schritt zur Verbesserung deiner Lebensqualität.

Falls dein Problem eher in der Kategorie „normale Unordnung“ liegt, nimm dir einfach mal die Zeit für einen digitalen Frühjahrsputz. Dein zukünftiges Ich wird dir unglaublich dankbar sein, wenn es nicht mehr durch 12.000 Fotos scrollen muss, um das eine zu finden, das es sucht. Und vielleicht wirst du dabei feststellen, dass das Löschen gar nicht so schlimm ist, wie du dachtest. Vielleicht ist es sogar befreiend.

Oder du liest diesen Artikel, machst einen Screenshot davon, speicherst ihn in einem Ordner namens „Später lesen“ und vergisst dann komplett, dass er existiert. In diesem Fall: Willkommen im Club. Wir treffen uns im digitalen Chaos, irgendwo zwischen 10.000 ungelesenen E-Mails und 500 Apps, die wir nie öffnen werden. Das Bier steht schon kalt – oder war das die andere To-do-Liste?

Wieviel Chaos steckt in deinem digitalen Alltag?
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Komplett unlesbarer Posteingang
Screenshot-Grab ohne Boden
47 Ordner namens 'Wichtig'
Ich lösche NIE etwas

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